Wildbienen-Projekt der Naturschutzgruppe Ingelheim und Umgebung e.V. (NSGI)

Die Anzahl an Brutzellen, die ein Wildbienen-Weibchen bauen und belegen kann ist abhängig von vielen Faktoren. Besondere Bedeutung hat ein ausreichendes Blütenangebot (Nahrung) und geeignete Nistplätz in geringer Entfernung. Beide Teillebensräume liegen oft räumlich getrennt. Je kürzer der Weg zwischen ihnen, desto mehr Zeit kann die Bienen zum Bauen und Füllen der Brutzelle verwenden und umso größer ist die Anzahl an Brutzellen. Distanzen von über 300m werden zwar ohne Probleme überflogen, aber mit zunehmender Entfernung wird der Aufwand für die Flüge unökonomisch hoch. Eine Schlechtwetter-Periode kann zusätzlich zu Unterbrechungen der Nestbauaktivität führen und in einer geringen Anzahl fertig gestellter Brutzellen resultieren. Die Fortpflanzungsrate ist bei den solitären Arten sehr niedrig: Nur 10 bis 30 Brutzellen kann ein solitäres Weibchen in seinem Leben anlegen. Aber nicht alle Bruten entwickeln sich zu Nachkommen: Neben Schmarotzern (Futter-Räuber wie Kuckucksbienen oder direkten Fraßfeinden der Larve), kann auch durch eine ungünstige Beschaffenheit des Nistplatzes zu viel Feuchtigkeit an die Brut gelangen, was z.B. zu Verpilzung und Absterben der Brut führen kann.

 

In gemeinsamer Entwicklung zwischen Blütenpflanzen und Bienen entstanden eine Vielfalt an Blütenformen und gegenseitige Anpassungen. Auch Wildbienen sind vielgestaltig und besitzen oft besondere körperliche Anpassungen, die das Pollensammeln erleichtern und das Ausbeuten von Blüten effizienter machen. Das Deponieren von Pollen am Hinterbein (wie bei der Honigbiene) ist weit verbreitet; "Bauchsammler" haben spezielle nach hinten gerichtete Borsten auf der Unterseite des Hinterleibs, womit sie einerseits den Pollen aus flachen Blütenköpfen auftupfen können, andererseits den Pollen darin Deponieren und zum Nest tragen. Bei manchen Arten finden sich spezielle Borsten an der Stirn, womit das Auskämmen von Pollen aus Lippenblütlern erleichtert und effizienter wird (z.B Schlürfbienen an Stachys recta). Besondere Körperanpassungen finden sich v.a. bei Pollenspezialisten zum effizienten Ausbeuten ihrer speziellen Pollenquellen:

Rund ¼ der heimischen Wildbienen-Arten sind hochspezialisiert auf bestimmte Pflanzen als Pollenquelle, die sie als Futter für ihre Larven unbedingt brauchen. Manche Arten sammeln beispielsweise nur an Glockenblumen, andere nur an Kreuzblütlern wie Raps, an Korbblütlern wie Rainfarn oder an Doldenblütlern wie Feldmannstreu und Wilder Möhre.

Löcherbiene Heriades truncorum beim Pollensammeln auf Färber-Hundskamille. Gut zu erkennen ist die mit Pollen gefüllte Bauchbürste auf der Unterseite des Hinterleibs.

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Die Glockenblumen-Schmalbiene Lasioglossum costulatum ist auf Glockenblumen als Pollenquelle spezialisiert, man findet sie auch oft an Moschus-Malve, wo sie Nektar trinkt

Von Bedeutung für die Genießbarkeit des Pollens als Larvennahrung sind die Schutzstoffe, die von der Pflanze erzeugt werden, um Pollen gegen Fraß zu schützen und unverträglich zu machen. Die Larven der spezialisierten Arten können den Pollen ihrer Pflanzen sehr gut verwerten, oft aber Pollen anderer Pflanzen (Familien) nicht nutzen. Bienenarten, die ein breites Spektrum an Pollenquellen verwerten können (Generalisten), mischen bei Nahrungsknappheit auch giftigeren Pollen dazu, was ihren Larven trotz fehlender Anpassung eine Entwicklung ermöglicht, solange der Anteil dieses Pollens im Vorrat nicht zu groß wird.

 

Bei den Spezialisten ist die Flugzeit mit der Blütezeit ihrer Blütenpflanzen stark synchronisiert; aber auch bei den Generalisten fliegen viele Arten zu bestimmten Jahreszeiten, so dass man von Frühlings-, Sommer-, und Spätsommer-Arten sprechen kann. Bei Arten, die nur eine Generation im Jahr haben, überwintern die Larven in den Nestern und schlüpfen erst im kommenden Jahr. Wenige Bienen haben eine sehr lange Flugzeit, z.B. Hummel-Königinnen,

Keulhornbienen (Ceratina) oder die auffällige Blauschwarze Holzbiene Xylocopa violacea, die von Frühling bis Herbst angetroffen werden.

Die meisten Arten sind an offene, trocken-warme Lebensräume angepasst und haben deshalb in der vom Menschen gestalteten, traditionellen, kleinparzellierten Kulturlandschaft sehr gute Lebensbedingungen gefunden. Hier liegen beide Teillebensräume in kurzer Distanz: Nistplätze an Abbruchkanten, Hecken, trockene Stängel in Hochstaudensäumen und zusagende Nahrungsräume wie blütenreiche Wiesen, Feldraine, Brachen und Äcker, deren Begleitflora für viele Wildbienenarten von hoher Bedeutung sind. Die kurzen Wege ermöglichen ein effizientes Sammelverhalten, da nur wenig Zeit für den Flug zwischen den Teillebensräumen verwendet werden muss. Durch die Intensivierung der Landnutzung sind viele Wildbienen-Arten in den letzten Jahrzehnten aus den zunehmend ausgeräumten Landschaften verschwunden. Anspruchsvolle Wildbienen-Arten, die besondere Nistplätze oder spezielle Blütenpflanzen als Larvennahrung brauchen, sind heute auf Sonderstandorte wie Felshänge, Steinbrüche, auf mageres Grünland (oft in Naturschutzgebieten) oder auf Hochwasserdämme angewiesen.

Es wundert deshalb nicht, dass über 50% der heimischen Wildbienen-Arten in ihrem Bestand gefährdet sind.